Offener Brief

– an die Verlage

Nach den letzten Beschlüssen zur Rechtschreibreform und im Vorfeld deren Umsetzung zum 1. August 2006 hatten Sie sich sicher die Frage gestellt, ob Sie nun auch in Ihrem Hause die neue Schreibung einführen oder beibehalten, bzw. ob Sie die von Ihnen verwendeten Modifikationen („Hausorthografien“ aufgeben sollen. In den meisten Fällen haben Sie sicherlich Beschlüsse in diese Richtung gefasst und setzen diese seit dem 1. August 2006 um.

Im Rückblick darauf und in Hinblick auf das endgültige In-Kraft-Treten der Regelung zum August 2007 möchte ich Sie bitten, das im Folgenden Aufgeführte zu bedenken.

Man kann sich über Sinn und Unsinn vieler Neuschreibungen lange streiten. Das neue Erscheinungsbild ist zunächst einmal vor allem eine Geschmacks- und Gewöhnungsfrage. Auf der einen Seite ist man nun vielleicht sogar froh, daß das leidige Thema „Rechtschreibreform“ endlich vom Tisch ist. Auf der anderen Seite mag zu vielen Neuschreibungen immer noch ein ungutes Gefühl bleiben (bestimmte Unterscheidungsmöglichkeiten für den Leser fallen z.B. nach wie vor weg).

Doch unabhängig von den Vorlieben zu bestimmten alten oder neuen Schreibungen (und auch unabhängig von einer grundlegenden Kritik an der Reform und ihrer Durchsetzung) ist folgende tiefgreifende Problematik bisher viel zu selten beachtet worden, sie ist meiner Meinung nach jedoch der eigentliche Skandal und nach wie vor aktuell:

Das Regelwerk selbst ist in seinen Formulierungen der Regeln oft inkonsistent, zum Teil widersprüchlich. Regeln bauen nicht logisch aufeinander auf und sind in sich unlogisch. Das was die Regeln vorgeben zu beschreiben (zu erkennen an den aufgeführten Beispielen bzw. den Schreibungen im amtlichen Wörterverzeichnis), beschreiben sie zum Teil nicht wirklich. Sie sind zum Teil ungenau, zu verallgemeinernd, zu speziell und/oder unnötig kompliziert formuliert. Sie sind zum Teil schlicht fehlerhaft! Der Nutzer der Regeln muss oft schon eine gehörige Portion orthografische Kompetenz mitbringen, um den Wortlaut der Regeln so zu verstehen (zum Teil muss man sagen: um den Wortlaut der Regeln so umzuinterpretieren), daß die Schreibung, die mit den Regeln erklärt werden soll, überhaupt von ihnen erzeugt wird. Zudem wird eine nicht weiter erläuterte Begrifflichkeit verwendet (die dadurch unklare Interpretationsspielräume liefert), die außerdem nicht immer einheitlich eingesetzt wird.

Ein einheitlicherer Aufbau der Regeln wäre für die Übersichtlichkeit, die Durchschaubarkeit und die Logik des Systems von größtem Vorteil.

Wie kann ein solches Werk ernsthaft Grundlage für eine Rechtschreib-Didaktik kommender Generationen (im Zeichen des „PISA-Schocks“ sein? Immerhin orientieren sich schon jetzt viele Deutschlehrbücher und Lernhilfen zur Rechtschreibung mehr oder weniger an den Regelformulierungen des Reformwerks und transportieren damit auch die Ungereimtheiten. Wohlgemerkt, es gilt nicht, das Regelwerk als Ganzes zu verteufeln (vorher gab es ja kein in seinem Umfang vergleichbares besseres!), sondern es muss vornehmste Aufgabe sein, es von Widersprüchlichem zu befreien. (Leider ist der Rat...)

Diese Problematik gilt gerade auch in dem Bereich der Laut-Buchstaben-Beziehungen, deren Neuschreibungen schon vor der letzten Änderung der Reform als „unstrittig“ galten, und im Bereich der Worttrennung, bei dem auch die letzte Änderung nicht grundlegend etwas geändert hat.

Versucht man einmal unvoreingenommen, dem Wortlaut der Regeln zu folgen, so ergeben sich eine ganze Reihe von Schreibungen, die so wohl eigentlich nicht vorgesehen sind. (Der neue Duden umschifft viele der genannten Probleme übrigens einfach, indem er die Regeln im Falle der „Laut-Buchstaben-Beziehungen“ nur an einigen wenigen Punkten aufgreift und sonst weiter auf die nun [angeblich] regelgerechten Einzelwortschreibungen im Wörterverzeichnis setzt, oder indem er im Falle der „Worttrennung“ die Regeln so „auslegt“/„präzisiert“, d.h. neu formuliert, daß die Probleme z.T. nicht mehr auftreten.) Hier einige Beispiele:

Folgt man dem Wortlaut der Regel zur Verdopplung der Konsonantenbuchstaben (§2) so ergeben sich die Schreibungen (1)–(3):

(1) Müze, sizen, Duzend, Schaz, ...;
Sacche/Sachche, sinngen/singngen, frissch/frischsch, ...


Problematische Formulierung in §2: „Verdopplung des Konsonantenbuchstabens“ bei einem „einzelnen Konsonanten“ nach betontem Kurzvokal.
Problematik: Ungenaue Differenzierung der Laut- und Buchstabenebene.
Nach den „grundlegenden Laut-Buchstaben-Zuordnungen“ für Konsonanten in §22 handelt es sich bei z gar nicht um einen „einzelnen Konsonanten“, sondern ausdrücklich um eine „Konsonantenverbindung“ ([ts]). Demnach betrifft §2 z (genau wie x) überhaupt nicht! (Auch wenn das §3 fälschlicherweise voraussetzt: „Statt zz schreibt man tz.
Umgekehrt müsste die Regel auch bei denjenigen „einzelnen Konsonanten“ angewendet werden, denen nach §22 ch, ng und sch zugeordnet sind.

(2) wäsrig, himlisch, Kuplung, öfnen, troknen, ...

Problematische Formulierung in §2: „Verdopplung des Konsonantenbuchstabens“ nach betontem Kurzvokal nur wenn „im Wortstamm“ ein „einzelner Konsonant“ folgt.
Problematik: Gelten die Regeln auch dann noch, wenn sich der Wortstamm so verändert, daß eine der Regel-Bedingungen wegfällt? (Unklare Bestimmung und Verwendung von „Wortstamm“, „Wortstammveränderung“ und „Konstantschreibung“. Es wird nicht zwischen Regeln unterschieden, die Schreibungen unabhängig von deren morphologischen Struktur erzeugen [doppelt dargestellte Konsonanten nur nach kurzem Vokal], und solchen, bei denen die durch sie erzeugten Schreibungen auch in morphologisch veränderten Formen erhalten bleiben [doppelt dargestellte Konsonanten nur wenn kein weiterer Konsonantenbuchstabe folgt].)
Auf den Fall beispielsweise, daß die Verdopplung erhalten bleibt, auch wenn der Vokal nicht mehr betont ist, wird ausdrücklich in E hingewiesen. Daß die Regel nicht mehr gilt, wenn der Vokal in verwandten Wortformen nicht mehr kurz ist, wird umgekehrt ohne besondere Erwähnung vorausgesetzt (treffen, aber traf; Schliff, aber schleifen). Wenn also in einer Form des Wortstamms doch ein weiterer Konsonant folgt (der zum Wortstamm gehört), kann diese Regel nicht direkt angewandt werden und es ist zumindest völlig offen, ob die Verdopplung trotz dieser neuen Bedingung erhalten bleibt.
Es ist nicht ersichtlich, warum diese Fälle (die nicht selten sind!) keine Erwähnung gefunden haben!

(3) Zwiling, Driling, er hate, ...

Problematische Formulierung in §2: „Verdopplung des Konsonantenbuchstabens“ nach betontem Kurzvokal nur wenn „im Wortstamm“ ein „einzelner Konsonant“ folgt.
Problematik: Im Wortstamm folgt in diesen Fällen überhaupt kein Konsonant. (Unklare Bestimmung, wann Regeln nur „im Wortstamm“ gelten, oder auch in Wortformen, zu denen auch Endungen/Suffixe gehören. Unnötige, übergeneralisierende Beschränkung der Regeln auf den „Wortstamm“.)
In einigen wenigen Wortformen gibt es das Phänomen, daß veränderte Wortstämme auf betonten Kurzvokal enden und unmittelbar vom Konsonanten der Endung gefolgt werden (der also nicht zum Wortstamm gehört). Die Regel zur Verdopplung gilt hier eigentlich auch wortbestandteilübergreifend.

Folgt man dem Wortlaut der Regel zum h nach langem Vokal vor Vokal (§6) so ergeben sich (4):

(4) tuhn, tuhe, Genugtuhung, Obohe, Azalehe, Duho, Boha, europähisch, Musehum, Jubilähum, ...

Problematische Formulierung in §6: Der Buchstabe h steht „stets“, wenn einem betonten langen Vokal unmittelbar ein „unbetonter kurzer Vokal“ folgt bzw. in erweiterten Formen folgen kann.
Problematik: Das stumme h wird keineswegs vor jedem Vokal geschrieben, sondern beschränkt sich offensichtlich auf die Position vor einem gemurmelten, abgeschwächten e, sowie auf die Position vor einheimischen Wortausgängen (in erster Linie vor -ig, z.B. fähig). Auch kommt es vor e keineswegs „stets“ vor. Das Hilfsverb
tun ist anscheinend ausgenommen. In Fremdwörtern wird das stumme h nach Vokalen gerade regelmäßig nicht geschrieben.
Da sonst die Regeln meist, wenn nicht ausdrücklich anders angegeben, für alle Bereiche (Fremdwörter, Hilfsverben usw.) gelten, ist es umso irreführender, daß hier die Abweichungen von der Regel nirgendwo erwähnt werden.

Vergleicht man diese Regelformulierung (§6) z.B. mit der Doppelkonsonantenregel (§2), zeigt sich außerdem sehr schön der unsystematische Aufbau der Regelformulierungen im Regelwerk. Hier wird die Regel nicht an den „Wortstamm“ gekoppelt, dafür wird hier nun (was in §2 entsprechend leider fehlt, vgl. oben (2)) das Beibehalten der Schreibung mit h, wenn die Position im Wort sich verändert, direkt innerhalb der Regel mit dem Hinweis auf verwandte Wortformen begründet. (Dabei verhalten sich beide Rechtschreibphänomene an diesem Punkt ganz parallel: steht mit h wegen stehen, stellt mit ll wegen stellen. Das wird aber durch den unterschiedlichen Regelaufbau nicht durchsichtig.)

Folgt man dem Wortlaut der Regel zur Verwendung von ß (§25) so ergeben sich (5)–(7):

(5) dreisig

Problematische Formulierung in §25: nach langem Vokal oder Diphthong schreibt man ß, wenn „im Wortstamm“ „kein weiterer Konsonant“ folgt.
Problematik: Die Regel sieht ß anscheinend nur in Wortstämmen vor. Hier gehört es aber eindeutig zum Suffix. Darüber hinaus steht es am Anfang des Suffix, folgt also innerhalb dieses Worbestandteils weder einem langen Vokal, noch einem Diphthong, sondern überhaupt keinem Laut. (Unnötige Beschränkung auf den „Wortstamm“, Problematik der ausschließlichen Beschränkung auf die Position nach Langvokal und Diphthong.)

(6) Geisler, ich meisle, ...

Problematische Formulierung in §25: nach langem Vokal oder Diphthong schreibt man ß, wenn „im Wortstamm“ „kein weiterer Konsonant“ folgt.
Problematik: ähnlich wie oben unter (2):
Gelten die Regeln auch dann noch, wenn sich der Wortstamm so verändert, daß eine der Regel-Bedingungen wegfällt? (Unklare Bestimmung und Verwendung von „Wortstamm“, „Wortstammveränderung“ und „Konstantschreibung“.)
Daß die Regel nicht mehr gilt, wenn der Vokal in verwandten Wortformen nicht mehr lang oder ein Diphthong ist, wird ohne besondere Erwähnung vorausgesetzt (aß, aber essen; reißen, aber Riss). Wenn also in einer Form des Wortstamms doch ein weiterer Konsonant folgt (der zum Wortstamm gehört), kann diese Regel nicht direkt angewandt werden und es ist zumindest völlig offen, ob die Schreibung mit ß anstelle von s trotz der neuen Bedingung erhalten bleibt.
Es ist nicht ersichtlich, warum diese Fälle keine Erwähnung gefunden haben!

(7) Wie würde eigentlich die regelgerechte Schreibung von geografischen Namen wie Darß/Darßer Straße, Börßum, Golßen usw. aussehen? Nach den Regeln sind nur Dars/Darser Straße, Börsum, Golsen usw. möglich, was aber nicht mehr korrekt lesbar wäre.

Problematische Formulierung in §25: „nach langem Vokal oder Diphthong“ schreibt man ß, wenn im Wortstamm kein weiterer Konsonant folgt.
Problematik: Die ß-Regel ist ohne Not übergeneralisierend formuliert worden.

Daß ß fast nur nach Langvokal und Diphthong vorkommt, begründet sich zum einen mit der Doppelkonsonantenregel (§2), die nach Kurzvokal ss vorsieht. Diese Abgrenzung zur Schreibung nach Kurzvokal ist also gar keine Besonderheit des ß, sondern findet sich bei der Schreibung jedes Konsonanten: reißen, aßen, Buße, schleifen, trafen, Strafe, Hüte, aber rissen, essen, Busse, schliffen, straffe, Hütte. Zum anderen beruht das Vorkommen (fast) nur nach Vokalen gar nicht auf einer orthografischen Regel, vielmehr ergibt sich das einfach aus der derzeitigen Verteilung der Laute in deutschen Wörtern. Oder würde man es als orthografische Regel formulieren, daß z.B. pf nicht nach anderen Konsonanten oder Langvokalen zu schreiben ist, nur weil die Lautfolge [pf] in diesen Positionen nicht vorkommt? Entstünde ein neues Wort, in dem die Lautfolge [pf] z.B. nach l vorkommt, gäbe es keine orthografische Regel, die deren Schreibung als pf verbieten würde. Obwohl die Reform ja sonst auf Fremdwortintegration setzt, verbaut sie sich mit der übergeneralisierten ß-Regel somit die einzig möglichen integrierten Schreibungen von bisher nicht integrierten Schreibungen wie bei forcieren/*forßieren, piercen/*pierßen usw.

Folgt man dem Wortlaut der Regel zur Verwendung von ß (§25), beachtet daneben aber ebenso gleichberechtigt die Regeln zur Verdopplung der Konsonantenbuchstaben (§§2–5), so ergeben sich bestenfalls (8):

(8) Ambos, Schislaweng; Pusta

Problematische Formulierung in §25: „nach langem Vokal oder Diphthong“ schreibt man ß, wenn im Wortstamm kein weiterer „Konsonant“ folgt.
Problematische Formulierung in §§2–5: ... wenn im Wortstamm kein weiterer „Konsonant“ folgt ...
Problematik: Die ß-Regel ist ohne Not übergeneralisierend formuliert worden. ß kommt demnach hier nicht in Frage. Aber genauso wenig kommen nach den Doppelkonsonanten-Regeln die Schreibungen Amboss, Schisslaweng infrage! Warum wird die eine Regel stärker gewichtet als die andere? Warum werden bei der einen Regel abweichende Schreibungen zugelassen, bei der anderen kategorisch keine?? ...

...(noch auszuführen)...

Folgt man dem Wortlaut der Regel zur Verwendung von ng (§28) so ergeben sich (8):

(8) Melangcholie, kongkret, ...

...(noch auszuführen)...

Von keiner Regel ausgeschlossen werden die Schreibungen (9) und (10):

(9) trittt, hältt, giltt, rätt, achtte (8.), Achtttel/Achttel, des Zirkuss, des Indexs, Vögellein, (du grinsst, Franzs), ...

Das Regelwerk geht anscheinend grundsätzlich davon aus, daß bei der Aneinanderreihung von Stämmen mit Prä- und Suffixen die Schreibung dieser Bestandteile sich nicht verändert. Nur Abweichungen davon sind geregelt (nur so zu erklären, daß lädt als orthografische Besonderheit nirgends erwähnt wird) ...

...(noch auszuführen)...

(9a) am bessten

...(noch auszuführen)...

(10) ideeal, industriealisieren, ...

...(noch auszuführen)...

(11) Wenn man davon ausgeht, daß sehr häufige Ausnahmen eigentlich im Regelteil erwähnt sein sollten, ergeben sich im Umkehrschluss außerdem auch: däs, reäll, ...; Mamma, Pappa, ..., auch interessanterweise nicht in den Ausnahmen zur Konsonantenverdopplung aufgeführt ist die neueingeführte Schreibung Schikoree, obwohl hier aufgrund des betonten kurzen i Doppel-k oder ck zu erwarten wäre.

...(noch auszuführen)...

Aus den Regeln der Worttrennung (§§107–113) ergeben sich:

(12) Mac-ho, Couc-hes, ... (nach §111); nicht ausdrücklich ausgeschlossen sind auch: si-ngen, Lä-nge, Ma-lheur ... (nach §111); erlaubt sind auch (nach §112): Gri-sli/Griz-zly, Co-ckney, Mi-schna, pul-vrig, ich puz-zle, appeti-tlich, Pa-rlament, Hy-mne, ...; ebenfalls als Möglichkeit nicht ausgeschlossen (nach §113): all-ein, Trans-it, Rhaps-odie, Tetr-arch, ... (nach Duden-Auslegung – nach der neben den neu eingeführten Trennungen nur solche Trennungen möglich sind, die schon nach alter Duden-Rechtschreibung galten – sind alle diese Trennungen aber keineswegs möglich. Sie liegen wohl auch nicht in der Intention der Reformer – oder?).

...(noch auszuführen)...


Vielleicht wurde die aufgezeigte Problematik der Regelformulierungen bisher nicht wahrgenommen, weil man es gewohnt ist, „gültige Rechtschreibung“ über das zu definieren, was im Wörterbuch steht. Im alten Duden waren ausformulierte Regeln nur das Beiwerk, das Wörterverzeichnis des Dudens selbst gab vor was galt (mit dem Anspruch, daß dies in erster Linie ohnehin nur der Ausdruck des „allgemeinen Sprachgebrauchs“ sei). An der Neuregelung der Rechtschreibung wurde dementsprechend nur das wahrgenommen und diskutiert, was im amtlichen Wörterverzeichnis steht oder was an Schreib-Beispielen im Regelteil genannt wird.

Dabei muss klar sein, daß die Neuregelung nicht nur aus einer Anhäufung neuer Schreibungen besteht, die es zu befürworten (oder abzulehnen) gilt.

Man muss sich klarmachen, daß die Neuregelung selbst den (aus linguistischer und didaktischer Perspektive durchaus lobenswerten) Anspruch hat, den ausformulierten Regeln (als System) ein neues und eigenes Gewicht zu geben. „Gültige Rechtschreibung“ soll jetzt in der Tat das sein, was sich aus den gültigen Regeln ergibt. Letztlich ist also nicht mehr das Nachschlagen im Wörterbuch ausschlaggebend, sondern daß ich eine Regel nachvollziehen kann und sie verstehe anzuwenden. Das heißt in der Konsequenz, daß ich mich im Zweifel auf die Regelformulierung berufen kann und muss, und nicht auf das Wörterverzeichnis. (Das Wörterverzeichnis spielt nur noch da eine entscheidende Rolle, wo in den Regeln ausdrücklich formuliert ist, daß nach den Regeln verschiedene Schreibungen möglich sind bzw. Ausnahmeschreibungen vorkommen, die erst durch das Wörterverzeichnis eindeutig festgelegt werden.)

Das ganze kulminiert geradezu in einem wenig beachteten Satz, der selbst auch nicht in exponierter Stellung steht (und vielleicht auch eher unbeabsichtigt so weitreichende Konsequenzen hat). In den Vorbemerkungen zum amtlichen Wörterverzeichnis steht lapidar:

„Schreibungen, die den Regeln nicht widersprechen, sind immer möglich, auch wenn sie im Wörterverzeichnis nicht explizit aufgeführt werden ...“

Die obengenannten Beispiele für Schreibungen, die sich aus der wortlautgerechten Anwendung der Regeln ergeben, sind damit ausdrücklich erlaubt!

Das muss man sich einmal klarmachen! Ist z.B. den Lehrern klar, was sie alles nicht anstreichen dürfen? Ist den Schülern klar, was sie alles schreiben dürfen, wenn sie die Regeln und diesen Grundsatz ernstnehmen und sich darauf berufen?! Wie ernst sollen die Regeln, so wie sie formuliert sind, denn nun wirklich genommen werden?

...(noch auszuführen)...

Um nun ein Signal zu setzen, daß man den Zustand des Reformwerks (auch) aus diesen Gründen keineswegs als zufriedenstellend einschätzt (unabhängig davon, ob man bestimmte Schreibungen und Einzelfestlegungen im Ergebnis schön findet oder ablehnt), schlage ich vor, dies deutlich zu machen, indem man sich zwar im Allgemeinen an das hält, was laut Wörterverzeichnis als neue Rechtschreibung gilt, man aber wenigstens an einigen augenfälligen Punkten weiterhin mit einer nicht-reformkonformen Schreibung auf diese Problematik aufmerksam macht.

Es bietet sich an, solche Abweichungen von der Reform-Norm zu verwenden, die zwar ins Auge springen, die aber durchaus im Sinne der Grundregeln (nach neuer und alter Rechtschreibung) sind und die sich auch aus den neuen Regeln ergäben, wenn sie stimmiger und systematischer formuliert wären. Es wären also auch Schreibungen, die über die Signalwirkung hinaus für einen sinnvollen (da regelbasierten) Kompromiss zwischen neuer und alter Rechtschreibung taugen.

1) daß, miß- statt dass, miss-

Begründung: ß und ss verhalten sich zueinander imgrunde genau wie andere Konsonanten und ihre Doppelschreibungen (z.B. f und ff, m und mm, k und ck usw.): vgl. reißen, reiß!, riss, gerissen mit greifen, greif!, griff, gegriffen, oder essen, isst, aß, aßen mit treffen, trifft, traf, trafen. Deshalb würde es Sinn machen, die Regeln, die deren Verteilung betreffen, noch stärker in Parallele zum Gebrauch anderer Konsonantenbuchstaben zu formulieren, statt sie in einer Sonderregel fürs ß künstlich abzuheben. So wäre es nur konsequent, die übliche Nicht-Anwendung der Verdopplungsregel nach Kurzvokal in Funktionswörtern, Präfixen und Hilfsverbformen (vgl. z.B. an, um, ab, mit, in [trotz innen!], un-, bin) auch auf das Funktionswort daß und das Präfix miß- anzuwenden, statt ohne Not eine übergeneralisierend formulierte und angewandte ß-Regel auch auf die Schreibung von Funktionswörtern und Präfixen zu beziehen. Vom Gesamtsystem her betrachtet sind dass und miss- keine regelmäßigeren Schreibungen, sondern neu geschaffene Ausnahmen von einer beibehaltenen Sonderregel. (Daß dagegen die Schreibung mit ß neben der Schreibung mit s in Funktionswörtern und Präfixen existiert [miß-, bis, es, daß neben das], entspräche dagegen dem System, da z.B. auch die Schreibung mit t neben der mit d vorkommt: vgl. z.B. mit, und, seit neben seid.)

positive Nebeneffekte:

häufiges daß ist ökonomischer; Miss-Stand (!)/Missstand u.Ä. wird vermieden

...(noch auszuführen)...

2) c-k-Trennung statt neues Trennverbot („Trenne nie ck, denn es geht ihm nah!“

...(noch auszuführen)...

Fazit

Der von der Reform selbstgewählte und von den Schreibern oft reproduzierte Anspruch, daß die Regeln (in ihrem Wortlaut) Maßstab fürs Rechtschreiben sind, daß man also „nach den (neuen) Regeln schreiben“ kann, kann auch beim besten Willen nicht erfüllt werden! – jedenfalls nicht ohne daß entweder das Wörterverzeichnis neu geschrieben werden müsste, oder die Regelformulierungen an die gewünschten Wortschreibungen angepasst werden.

Daß diese Diskrepanz zwischen Regelwortlaut und real existierender Schreibung bislang kaum jemanden aufgefallen ist, liegt anscheinend daran, daß niemand den vorgegebenen Ansatz, „nach den neuen Regeln zu schreiben“, wirklich ernstnimmt.

Nach wie vor ist das Ausschlaggebende das Wörterverzeichnis, zum Teil auch die bei den Regeln aufgeführten Beispiele, – ohne daß jemand wirklich nachvollzieht/überprüft, ob diese Schreibungen sich wirklich aus dem Wortlaut der Regeln ergeben. Bestenfalls hat man ein paar sehr allgemeine Regelformulierungen im Kopf, die aber nur zum Teil dem Reformtext inhaltlich entsprechen und oft eher aus den Wortschreibungen des Wörterverzeichnisses oder der diskutierten Beispiele (mehr oder weniger gelungen) rekonstruiert sind.

Oft wird man einfach nur (wie gewohnt) intuitiv, in Analogie zu den neuen (und alten) Einzelwortschreibungen schreiben (Übergeneralisierungen nicht ausgeschlossen).

Man vertraut einfach darauf, daß das was im Wörterverzeichnis steht, korrekt von den Regeln begründet wird. Wer kommt schon auf die Idee, daß des Kaisers (der Kultusminister) neue Kleider zumindest an einigen Stellen keine stofflichen Grundlagen haben könnten?