Fehlschreibungen wie „aussen“, „reissen“ und „schliessen“: Ursachen

Vom 24.02.2004 (Diskussion auf www.rechtschreibreform.com):

Fehlerschreibungen wie „aussen“, „reissen“ und auch „schliessen“ haben meiner Meinung nach mehrere Ursachen (abgesehen einmal von der reinen Verwirrung durch die Reform-Umstellung, sowie den Schweizer Gebrauch), die hier und in der allgemeinen Diskussion zum Teil kaum beachtet wurden und werden. Deshalb möchte ich sie hier gerne noch zum besten geben!
1) Der Blick auf barocke Schreibweisen, wie unten schon andiskutiert, geht dabei schon in die richtige Richtung. Denn zu wenig beachtet wird m.E. der Einfluß, den die Schreibung von Eigennamen (genauer gesagt: Familien- und erdkundliche Namen) auf den Schreibgebrauch haben kann. Es ist zwar im allgemeinen Bewußtsein verankert, daß solche Namen oft nicht regelkonforme Schreibungen haben, aber in keinem Regelwerk sind diese Abweichungen systematisch beschrieben. In Eigennamen sind nun bestimmte barocke Schreibweisen bewahrt, namentlich die doppelte Darstellung von Konsonanten in Positionen, in denen sie sonst nicht erlaubt ist (also in anderen Positionen, als nach einfachem kurzen Vokal). Auffällig dabei ist, daß das bei bestimmten Konsonanten besonders häufig vorkommt: bei ff, ck, tz und eben ss (Schwartzkopff, Bismarck, Mecklenburg [mit langem e zu sprechen!], Lietzenburg, Strauss, Schultheiss, Raiffeisen usw.). Mit manchen dieser Namen ist man tagtäglich konfrontiert – kein Wunder, wenn durch Analogiebildung dies auch Auswirkungen auf die „normalen“ Wörter hat! (Auch bei anderen Konsonanten kommt dies gelegentlich vor: Kneipp, Württemberg. Doch dies ist so selten, daß das Ausbleiben von Fehlschreibungen wie „reitten“ und „Rauppe“ nicht verwunderlich ist.)
Den Grund dafür, daß in barocker Zeit gerade diese Verdopplungen so häufig waren, sehe ich (als Typograf) nicht in sprachlich-lautlichen Gründen, sondern vielmehr in der Tatsache, daß es sich bei ff, ck, tz und ss um Ligaturen handelte, für die es im Bleisatz einzelne Typen gab. So konnten besonders viele Buchstaben mit nicht größerem Aufwand gesetzt werden (wodurch mehr Geld verdient werden konnte!) – das würde übrigens auch barocke Schreibungen wie „Fewer“ und „Bawer“ erklären: damals war man sich wohl noch bewußt, daß w ursprünglich eine Ligatur für uu ist.
2) Verstärkt wird die Anfälligkeit für Fehlerschreibungen in diesem Bereich dadurch, daß zumindest bei ck und tz Wörter mit k und z nach langem Vokal ziemlich selten sind (Flöz, fläzen, Kiez, Mieze, räkeln, Küken) (Wörter mit k und z nach einfachem kurzen Vokal sind dagegen sehr häufig). Kein Wunder, wenn diese Wörter recht fehleranfällig sind und ck und tz auch in anderen Positionen im Wortinnern übergeneralisierend als Normalfall gegenüber k und z gebraucht werden („dunckel“, „starck“, „Raucke“, „beitzen“, „Quartz“,...). Für ss/ß gilt nun ähnliches, auch wenn ß gegenüber k und z zumindest nach langem Vokal etwas häufiger ist: ss gilt häufig im Verhältnis zu ß als der Normalfall (also als unmarkiert).
Jeder kennt ja den Merkvers: „Nach l, n, r, das merke ja, schreib nie tz und nie ck!“ Im Grunde müßte man ihn erweitern: „Nach Konsonant, Diphthong und Langvokal, schreib nie ff, ck, ss, tz und andere Konsonanten zweimal!“ Das ist natürlich etwas umständlich. Kürzer wird's umgekehrt: "'nen Konsonanten schreib zweimal nur nach einfachem Kurzvokal!“ (oder ähnlich).
3) Wenn ss gegenüber ß als (unmarkierter) Normalfall gilt, ist es nicht verwunderlich, daß in Wörtern wie „aussen“, „reissen“ und „schliessen“ gerne ss verwendet wird: Hier ist der „Sonderfall“ ß ja nicht nötig (um die Länge des Vokals deutlich zu machen), es „reicht“, „einfaches“ ss zu schreiben – so könnte argumentiert werden. Diese Tendenz hat die Regelformulierung der Reform noch verstärkt, indem sie die ß-Schreibung an die Vokallänge gekoppelt hat (ß also sozusagen zu einer Dehnungsmarkierung „degradiert“ wird) und nicht, was einzig sinnvoll wäre, die ss-Schreibung (in weitgehender Parallele mit den anderen Doppelkonsonanten) an den Kurzvokal bzw. das Silbengelenk. (Zumal in Eigennamen, in diesem Falle völlig regelgerecht, ß auch nach Konsonanten vorkommen kann: Darß [Halbinsel], Börßum [Ort].) Die Tradition, ß als Sonderfall darzustellen, ist aber leider nicht neu. In fast allen traditionellen Darstellungen der deutschen Rechtschreibung wird ß als der regelbedürftige Fall (gegenüber s und ss) aufgeführt. Oft möchte man diesen Buchstaben nur als „Ligatur“ wahrnehmen, obwohl man eigentlich nicht will, daß ß wie echte typografische Ligaturen (ff, fi, ft) nur fakultativ, ausspracheunabhängig und ohne Rechtschreibrelevanz gebraucht wird. Die alte Forderung früherer Dudenauflagen (also im Geist der alten Rechtschreibung!), einen Großbuchstaben fürs ß zu schaffen (anstelle des Notbehelfs SS oder SZ), ist auch sang- und klanglos verschwunden (und in Typografenkreisen leider oftmals tabu). Schreibende aus Franken und Bayern haben viel weniger Probleme mit der Verwendung von p/pp und b (trotz der gleichen Aussprache von „Gepäck“ und „Gebäck“ usw.) als mit ß/ss und s, weil von Kindesbeinen an p und b als völlig verschiedene Buchstaben (mit eindeutiger Lautzuordnung: p-Laut und b-Laut) gelehrt werden. (Erst in einem zweiten Schritt lernt man dann sinnvollerweise die komplizierteren Zusammenhänge: p steht unter bestimmten Bedingungen für den b-Laut und umgekehrt.) Wäre das auch bei ß und s der Fall, würde es meiner Überzeugung nach viel weniger Verwirrung ums ß geben (unabhängig von alter oder neuer Schreibung), da sich so die Kinder und später die Muttersprachler überhaupt erst einen Begriff von s- vs. ß-Laut aneignen können, den sie dann z.B. zu ihren dialektalen Besonderheiten in Beziehung setzen können.

6.3.08 12:43

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen