„ss ist die Verdopplung von s.“

 

  • Dass ss die "Verdopplung" von s ist, stimmt natürlich in einem rein grafematisch-grafetischen (also auf die Buchstabenform bezogenen) Sinne. Doch hinter der populären Ausdrucksweise von der "Konsonantenverdopplung" steckt in der Regel die Vorstellung von einer fonografischen Funktion: der Konsonant wird doppelt dargestellt, wenn er (abhängig von der Silbenstruktur) in bestimmter Beziehung zum vorhergehenden Vokal steht. Gleichzeitig geht es auch um grafematisch-morphologische Zusammenhänge: In verwandten Verbformen z.B. kann es zu einem Wechsel doppelt und einfach dargestellter Konsonanten kommen, vgl. treffen - trafen, reiten - ritten. Für die erste Funktion gilt beim ß-Laut: er wird, wenn er eine neue Silbe eröffnet, in der Regel durch ß dargestellt wird, und nur im Falle der "Verdopplungs-"Position (nach kurzem/offnem Vokal am Silbengelenk, d.h. mit festem Anschluss) durch ss.
  • Eine weitere hinreichende (aber nicht notwendige) Bedingung für die Zusammengehörigkeit von bestimmten einfachen und zweimal dargestellten Konsonanten ist das Vorkommen der Paare in Paradigmen. Und siehe da: auch da ist ß/ss und nicht s/ss der Normalfall, vgl. tritt - treten, backen - buken, treffen - trafen, essen - aßen, schlossen - schließen, rissen - reißen usw. Als Ausnahmen zu werten sind dagegen z.B. das s in Endungen (-nis - -nisse), weil hier die Sonderregel gilt, dass der ß-Laut trotz verlängerter Form im Silbenauslaut mit s wiedergegeben wird.
  • Beides spricht also dafür, ss "die Verdopplung" von ß zu nennen, wenn man überhaupt diese ungenaue Formulierung wählen will. Vgl. dazu auch den Osnabrücker Linguisten Utz Maas,  wenn er schreibt: Die Standardrepräsentation von [s] ist [...] das historisch neue Zeichen <ß> [...]." Und weiter unten: "Die 'erwartbare' Schreibung von [s] nach Kurzvokal (also bei Schärfung) wäre hier <ßß>, das aber offensichtlich aus ästhetischen Gründen [...] vermieden wird und durch das [...] phonographisch nicht benötigte <ss> ersetzt wird [nicht benötigt, da stimmhaftes s nicht nach Kurzvokalen vorkommt, M.B.]. Im Grunde handelt es sich also um eine ästhetische Zusatzregel wie bei dem Ersatz von <kk> durch <ck> oder *<zz> durch <tz>." (Utz Maas, Grundzüge der deutschen Orthographie, Tübingen: Niemeyer 1992, S.311f.)
  • Bleibt noch hinzuzufügen, dass ss nicht nur aus "ästhetischen" Gründen statt ßß geschrieben wird, sondern dass sich diese Schreibung ganz folgerichtig aus den Regeln ergibt, die bestimmen, wann s und nicht ß geschrieben wird: nämlich immer (in nicht hergeleiteten Formen), wenn ein stimmlos zu lesender Konsonantenbuchstabe vorausgeht oder folgt. Also sp statt *ßp und bs statt *- daher auch ss statt ßß.

  • 23.9.14 00:48, kommentieren

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    Martins orthografische Schnipsel

    Hier auf Orthografie sammle ich Entwürfe und Gedankengänge zu Themen wie Rechtschreibung, Rechtschreibreform, Grafematik und Fonologie. Zusammengestellte Beiträge findet ihr links unten den Themen, wichtigere und/oder längere Beiträge findet ihr auf den Zusatzseiten links unter mehr...

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    Martin Beesk 

    4.3.07 01:01, kommentieren

    Schreiben "nach den neuen Regeln"?

    Wenn behauptet wird, "wir schreiben nach den neuen (amtlichen) Regeln", so stimmt das meist mitnichten. Bestenfalls lässt sich sagen: "Wir schreiben nach dem neuen, amtlichen Wörterverzeichnis", meistens wohl: "Wir schreiben nach dem, was Duden/Wahrig & Co. daraus gemacht haben." Kaum jemand schlägt wohl wirklich im Regelteil der amtlichen Regelung nach. Denn dann ließe sich feststellen: Die Regeln sind zum Teil so schlecht, zum Teil einfach falsch formuliert, daß (sic!) sich die Schreibungen im Wörterverzeichnis oder in den Beispielen oft gar nicht aus dem Regelwortlaut ergeben! Folgte man dem Regelwortlaut, müsste z.B. "Müze" statt "Mütze" geschrieben werden, "dreisig" statt "dreißig", es müsste "Mac-ho" getrennt werden und es dürfte auch "Pa-rlament" getrennt werden. Es gibt noch viele weitere solcher Fälle... Statt über Sinn und Unsinn bestimmter Neuschreibungen zu debattieren, sollte zunächst das Regelwerk auf seine Stringenz hin überprüft und überarbeitet werden. Sonst kann niemand ernsthaft behaupten (oder gar, z.B. in der Schule, verlangen), daß "nach den neuen Regeln" geschrieben wird. Bis dies grundlegend verbessert ist, plädiere ich dafür, mit einigen prägnanten Abweichungen von der Reformschreibung (die auch zu einem Kompromiss taugen) auf die Unausgegorenheit des Reformtextes aufmerksam zu machen! (So schreibe ich "daß" und "miß-", weil auch sonst in Funktionswörtern und Vorsilben Konsonanten im Auslaut in der Regel gerade nicht doppelt dargestellt werden, vgl. "in, um, ab, mit, un-". Ich trenne außerdem ck nach den Grundregeln c-k. ck ist eher vergleichbar mit ff, tt usw., oder auch mit dt, als mit sch, ch, ph usw.)

    4.3.07 01:19, kommentieren

    ck, tz - Ausnahmen?; pf im Anlaut

    Frage (aus www.lehrer-online.de, Forum "Deutsch"):

    "Das ck im Wort kann man Kindern und sich selber sehr gut erklären; im Wort ,,Säcke" hört man bei entsprechender Silbentrennung 2 ks, also Säk-ke. Anstelle von kk schreibt man aber ck. Bis dahin haben die Kinder und ich auch keine Probleme im Verständnis. Aber nun kommen wir zum tz. Beim Wort ,,Katze" soll man laut Literatur zz im Wort hören. Anstelle von zz schreibt man jedoch tz. Ja, aber ich finde und auch meine Schüler, dass wir bei entsprechender Silbentrennung das t und z in diesem Wort hören. Was stimmt den nun?
    Noch eine Frage: Hört man pf wirklich im Wort ,,Pfanne" oder nur das F?"

    Antwort:

    Sie haben vollkommen Recht: Beim silbentrennenden Sprechen von tz hört man natürlich nicht "z-z" (also "tß-tß"), sondern "t-z" (also "t-tß"; bestenfalls kann man sich streiten, ob man nicht "t-ß" hört). Entweder wird es in der von Ihnen genannten Literatur wirklich falsch ausgedrückt ("man HÖRT zz"), oder in dieser Literatur wird darauf Bezug genommen, dass die Regel für die Konsonantenverdopplung oft (wie auch im Regelteil des amtlichen Rechtschreibreformtextes) in etwa wie folgt formuliert ist: "ein Konsonantenbuchstabe für einen einzelnen Konsonanten nach kurzem Vokal wird DOPPELT GESCHRIEBEN." Das hat zur Folge, dass oft angenommen wird, zz sei als verdoppelte Form von z zu erwarten und tz sei eine Ausnahmeregelung. Wenn man aber, wie Sie es richtig tun, Wörter mit tz silbisch analysiert, muss man feststellen, dass man bei tz gar nicht von einer Ausnahme sprechen braucht. Die Regel für die Doppelkonsonanten ließe sich dementsprechend besser formulieren: "ein Konsonant, der einem kurzen betonten Vokal folgt, wird ZWEIMAL DARGESTELLT, wenn sonst ein einzelner Konsonantenbuchstabe folgen würde." Diese Formulierung würde tz problemlos in eine Reihe mit den übrigen doppelt dargrstellten Konsonanten stellen: das "t", das man am Anfang von z hört, muss durch diese Regel zweimal dargestellt werden. Einmal steckt es ja sozusagen in z, und ein zweites Mal wird es vor das z geschrieben: tz!
    Sie haben damit eine von etlichen unsauberen Formulierungen aufgespürt, die man oft in der Rechtschreibliteratur und leider eben auch im Text der Rechtschreibreform findet. Ihre Analyse von "Säk-ke" zeigt übrigens auch, dass die neue Nicht-Trennung von ck widersinnig ist! Es ist einfach ein neues Trennverbot; da hilft nur ein neuer Merkvers wie "Trenne nie ck, denn das geht ihm nah!"
    Zu pf: Die Aussprache des pf im Anlaut als f ist eine v.a. in norddeutschen Varietäten des Deutschen vorkommende Erscheinung. In Süddeutschland (und so auch in der hochdeutschen Aussprachenorm) wird es deutlich gesprochen.

    Ergänzende Antwort:

    Zur Verdeutlichung meiner Ausführungen von gestern hier noch Folgendes: Die bereits angesprochenen gängigen Darstellungen zur Konsonantenverdopplung (wie z.B. der Text der Rechtschreibreform) basieren auf dem Gedankengang, dass der KonsonantenBUCHSTABE doppelt geschrieben wird, also DERSELBE Buchstabe zweimal notiert wird. Die Regel ist also rein grafisch-mechanisch formuliert. Die von mir genannte präzisere Formulierung geht davon aus, dass es zum korrekten Lesen des Kurzvokals notwendig ist, dass dem kurzen/offenen Vokal zwei Konsonantenbuchstaben folgen. Dafür reicht es aber aus, dass der dem Vokal folgende KONSONANT(enlaut) zweimal dargestellt wird, also durchaus auch mit zwei verschiedenen Konsonantenbuchstaben - wie ck und tz zeigen. Wie wir gesehen haben entspricht diese Beschreibung auch mehr der lautlichen (silbenbasierten) Struktur der Wörter ("Kat-tße").

    1 Kommentar 7.3.07 18:03, kommentieren

    Vierfachkonsonanten

    Kann es 4 gleiche  Konsonantenbuchstaben hintereinander geben?

    Nach der neuen Rechtschreibung gibt es ja keine einschränkende Regel mehr, die sich auf das Zusammentreffen gleicher Buchstaben bei Komposita bezieht. Daher sind natürlich auch beim Zusammentreffen von vier gleichen Buchstaben alle zu schreiben (ob mit oder ohne Bindestrich ist [zumindest bei Substantiven] dem Sprachbenutzer überlassen). Anders war das bekanntermaßen nach alter Rechtschreibung. Hier waren die Dudenregeln so formuliert, daß sie sich einigermaßen eindeutig nur aufs Zusammenterffen von drei Buchstaben beziehen ließen. Zumindest bei Vokalbuchstaben lässt sich die alte Regel aber verallgemeinern: Mit Bindestrich das Wort durchkoppeln - also z.B. Nausikaa-Aal. Bei Adjektiven wären wohl auch hier (parallel zu seeerfahren) alle 4 Vokalbuchstaben erhalten geblieben (nausikaaaalig). Bei Konsonantenbuchstaben kann man nach den alten Regeln aber keine eindeutige Antwort geben. Dabei lassen sich auch hierfür Beispiele konstruieren: eine vermüllte Hochgrassteppe wäre ein Müll-Llano, eine mit viel Geröll ein Geröll-Llano. Ob es nach alter Rechtschreibung Mülllano/Gerölllano, Müllano/Geröllano oder doch Müllllano/Geröllllano heißen müsste (weil im zweiten ll dem dritten l ein vierter Buchstabe folgt), bleibt offen. P.S.: Übrigens ließen sich mit kindersprachlich Aa beliebig lange a-Ketten bilden (Nausikaaaaaal)...

    1 Kommentar 11.4.07 22:12, kommentieren

    ß-Laut: Die Regeln für ß, ss, s

    Wenn man einmal die Regeln anders als traditionell üblich formuliert, zeigt sich, daß sie gar nicht so kompliziert sind! Jedenfalls nicht komplizierter als die für andere Konsonantenbuchstaben!

    (1) ß steht für den ß-Laut ("stimmloses s".)
    (– so wie f für den f-Laut oder t für den t-Laut vgl. reißen, reifen, reiten).

    (2) ss kann und darf (ganz genau wie andere doppelt dargestellten Konsonanten) – auch trotz Verwandtschaft – nur nach Kurzvokal stehen.
    (Vgl. essen, wissen, Biss, treffen, schliffen, Griff - aber ohne Verdopplung (also gemäß Regel (1)): aßen, ich weiß, beißen, trafen, schleifen, greifen; ebenso: außen, Äußerung; übrigens auch Eigennamen wie: Darß, Börßum)

    (3) Es gibt nur eine besondere Regel:
    statt ß steht regelmäßig s vor Konsonantenbuchstaben und nach stimmlosen Konsonantenbuchstaben.
    (Vgl. Ast, Knospe, hopsen, kosmisch.)

    (4) Außerdem steht s häufig anstelle von ß am Ende von Funktionswörtern, Vorsilben und Endungen.
    (Vgl. das, es, bis, -nis -us vergleichbar mit b und d anstelle von p und t in ab, ob, und usw.)

    (5) Hinzu kommen (wie bei jedem anderen Buchstaben) die abweichenden Schreibungen, die sich aus Verwandtschaft ergeben.
    (Vgl. mies wg. miese, isst wg. essen, grüßt wg. grüßen.)


    Bei alter Rechtschreibung kam folgende Ergänzung hinzu:

    (2a) ss darf (auch trotz Verwandtschaft) nur stehen, wenn dahinter ein Vokalbuchstabe folgt.
    (Vgl. essen, aber ißt; Bisse, aber Biß.)

    Ergänzungregel zu (3):

    (3a) Folgt der ß-Laut dem stimmlosen Konsonanten t, so wird statt fast nie ts geschrieben, sondern z, folgt der ß-Laut dem stimmlosen Konsonanten k, so wird statt nicht immer ks oder chs geschrieben, sondern unter bestimmten Bedingungen oft auch x.

    1 Kommentar 4.3.07 00:32, kommentieren

    Abschluß oder Abschluss? –

    Didaktisch wichtig scheint mir dazu noch die Anmerkung, daß (sic!) m.E. die Ursache für die anhaltende Verwirrung um die ß/ss-Schreibung nicht vornehmlich in der Rechtschreibreform zu suchen ist. Vielmehr besteht seit jeher die Tendenz, die ß/ss-Schreibung als etwas Besonderes, als etwas besonders Kompliziertes künstlich von den anderen Rechtschreibbereichen abzuheben. Jedoch wird m.E. vieles einfacher, wenn man die (Verteilungs-)Regeln von ß und ss in Analogie zu den übrigen Konsonanten und ihrer doppelten Darstellung stellt. ß und ss (und ihr Wechsel bei starken Verben und ihren Ableitungen) verhalten sich nicht anders (gerade nach der Reform), als beispielsweise f und ff , t und tt oder k und ck. Vergleiche z.B. greifen - Griff, reiten - Ritt. Dabei ist zu beachten, daß der Doppelbuchstabe (also ss, ff, tt usw.) die orthografisch markierte (besondere) Schreibung ist (sie markiert den Kurzvokal bzw. das potenzielle Silbengelenk), während ß wie auch f, t usw. als Einzelbuchstabe den unmarkierteren Fall darstellt. ß ist der Einzelbuchstabe für den entsprechenden Laut und ss seine (wie bei ck besonders dargestellte) Verdopplung. Bei solch einer Darstellung der Zusammenhänge scheint mir vieles einfacher durchschaubar zu werden.

    Um der Ähnlichkeitshemmung bei ß/ss stärker aus dem Weg zu gehen, scheint es mir außerdem sinnvoll, Wörter mit ß verstärkt im Vergleich mit Wörtern mit anderen Einzelbuchstaben in gleicher Position zu lehren, als immer nur in Abgrenzung zu Wörtern mit ss. Also: "schließen" wie "schieben, bieten, triefen" usw.

    (Die Reform hat die ß-Regeln zwar weitgehend, aber leider nicht konsequent an die übrigen Regeln angepasst. Die neuen Schreibungen "dass" und "miss-" sind nun keinesfalls regelmäßig wie etwa "Abschluss, Nuss, Fluss, Biss" usw. Vielmehr sind sie neu geschaffene Abweichungen von der Sonderregel, daß in Funktionswörtern und Präfixen (Vorsilben) Konsonanten im Auslaut üblicherweise nicht doppelt dargestellt werden, vgl. z.B. "in, um, ab, mit, un-" usw.)

    1 Kommentar 4.3.07 00:00, kommentieren